Seitenübersicht
Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst

Die Bürgerbeteiligung
im Museum

Frauenbewegung in Bayern

Foto: Archiv des Bayerischen Landesverbandes des KDFB
Foto: Archiv des Bayerischen Landesverbandes des KDFB

Die Geschichte der Frauenbewegung kommt jedes Jahr am 8. März, dem Weltfrauentag, wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Sie wird auch im neuen Museum der Bayerischen Geschichte nicht fehlen. Eine ihrer vielleicht weniger bekannten Protagonistinnen ist die aus Stockholm stammende Ellen Ammann. Sie folgte ihrem Ehemann, dem Münchner Orthopäden Ottmar Ammann, nach Bayern – eine moderne junge Frau aus gutbürgerlichem Milieu, für die es selbstverständlich gewesen war, eine Ausbildung anzustreben und nicht nur auf eine Heirat zu setzen. Da die Mittel für das eigentlich angestrebte Medizinstudium fehlten, sollte sie sich in der Heilgymnastik ausbilden lassen. Hier lernte die 18-Jährige Ottmar Ammann kennen, dem sie nach kurzer Zeit das Jawort gab. 1890 übersiedelte die junge Ehefrau nach München und schenkte in kurzen Abständen sechs Kindern das Leben. Im konservativen Münchner Milieu hatte Ellen Ammann, die aus ihrer Heimat weit mehr Selbstständigkeit und Emanzipation der Frauen gewohnt war, gegen Heimweh, Föhn und Vorurteile zu kämpfen. Doch Ellen Ammanns Sache war es nicht, ihren Lebenssinn lediglich in Haushaltsführung und Kindererziehung zu sehen. In München herrschten in der Prinzregentenzeit, ungeachtet ihrer immensen kulturellen Ausstrahlungskraft und trotz der aufs Ganze gesehen eher verhaltenen Industrialisierung im Königreich Bayern, viel Elend und Armut - reiche Betätigungsfelder für eine engagierte Frau wie Ellen Ammann. Motiviert von der katholischen Soziallehre – 1891 erließ Papst Leo XIII. die Sozialenzyklika „Rerum novarum“ –, setzte sie sich gegen das soziale Elend der Frauen und Mädchen ein. In der orthopädischen Klinik ihres Mannes war sie nahe an der Realität. Sie sah die körperlichen Folgen der Schwerstarbeit, die die „Mörtelweiber“ verrichten mussten. Auch die Probleme der entwurzelten jungen Mädchen, die vom Land auf der Suche nach Glück und Auskommen in die Stadt gekommen waren, hatte sie vor Augen. 1895 gehörte sie zu den Mitbegründerinnen des „Marianischen Mädchenschutzvereins“. Prostitution und Mädchenhandel, insbesondere in den Bahnhofsgegenden, nahmen immer größere Ausmaße an. Zusammen mit Pater Rupert Mayer führte Ellen Ammann am Münchner Hauptbahnhof die Abhaltung von Sonntagsgottesdiensten ein, eine Initiative, aus der sich die von Ammann 1897 gegründete katholische Bahnhofsmission entwickelte – die erste ihrer Art in Deutschland. Mit der Gründung des Münchner Zweigs des Katholischen Frauenbunds 1904, der sieben Jahre später die Konstituierung des Katholischen Bayerischen Frauenbunds folgte, gilt sie als Pionierin der katholischen Frauenarbeit. Der Katholische Frauenbund, der heute in Bayern 220 000 Mitglieder zählt, wirkte tief in die Fläche des Landes. Mit den Landfrauenvereinigungen wurden in den Dörfern Frauenabende organisiert. Vorträge über Säuglingspflege, Unterweisung in der Armen- und Krankenpflege, aber auch gesellige Treffen und Ausflüge sollten den Frauen Unterstützung geben und neue Perspektiven aufweisen. Zentrale Anliegen Ellen Ammanns waren die Professionalisierung der Arbeit im Gesundheits- und Sozialbereich, die Hebung der Mädchen- und Frauenbildung und die Verbesserung der Situation der Fabrik- und Heimarbeiterinnen. 1909 begann sie mit dem Aufbau der Sozialen und Caritativen Frauenschule, der heutigen Katholischen Stiftungsfachhochschule.

Nach den Kriegsjahren, in denen sich Ellen Ammann zusammen mit Luise Kiesselbach insbesondere der Not kinderreicher Familien gewidmet hatte, bedeutete der Beginn der parlamentarischen Arbeit als Landtagsabgeordnete für die Bayerische Volkspartei eine Zäsur in ihrer Biografie. Mit der Ausrufung des Freistaats am 7. November 1918 hatten die Frauen in Bayern ein lang erkämpftes Ziel erreicht: das aktive und passive Wahlrecht. Bei den Januarwahlen 1919 zog Ellen Ammann mit sieben Geschlechtsgenossinnen neben 172 Männern in den Bayerischen Landtag ein, dem sie bis zu ihrem Tod 1932 angehörte.
Ellen Ammann beobachtete misstrauisch das Anwachsen der nationalen, revanchistischen und antisemitischen Bewegung in Bayern. Sie machte sich bereits Anfang 1923 zusammen mit den Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, denen sie trotz konträrer politischer und weltanschaulicher Ansichten freundschaftlich verbunden war, für die Ausweisung Adolf Hitlers aus Bayern stark. Ihre Gegnerschaft zu der frühen nationalsozialistischen Bewegung kulminierte in den Ereignissen des 8. Novembers 1923 im Münchner Bürgerbräukeller. Die Sekretärin und erste Biografin Ellen Ammanns, Marie Amélie v. Godin, war am frühen Abend zufällig Zeugin eines Gesprächs zweier Hitler-Anhänger geworden, die sich vor dem Münchner Rathaus über den bevorstehenden Coup Hitlers unterhielten. Sie informierte Ellen Ammann über das Gehörte, die daraufhin eilig ihren jüngsten Sohn Franz mit dem Fahrrad zum stellvertretenden Ministerpräsidenten Franz Matt schickte, um ihn zu warnen. Alle telefonisch erreichbaren Regierungs- und Parteimitglieder fanden sich daraufhin in der Ammann`schen Frauenschule ein, um die zu ergreifenden Maßnahmen zu diskutieren. Hier erklärten die versammelten Landtagsabgeordneten den „Putsch von Hitler und Ludendorff als ein Staatsverbrechen“. Nach dieser Regierungserklärung Matts widerrief auch Generalstaatskommissar Gustav v. Kahr seine von Hitler erzwungene Zustimmung und ließ Reichswehr und Landespolizei alarmieren, die den Putschversuch an der Feldherrnhalle am Vormittag des 9. Novembers niederschlugen.
Am 22. November 1932 erlitt die rastlose Sozialpolitikerin im Landtag einen Schlaganfall, dem sie in der darauffolgenden Nacht erlag. Nur wenige Wochen später wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Die Nationalsozialisten vergaßen die Gegnerschaft der couragierten Parlamentarierin nicht: Sie ließen die beim Verlag Pustet in Regensburg gedruckten 60 000 Exemplare der 1933 von Marie Amélie v. Godin verfassten Ammann-Biografie kurzerhand vernichten. (Text: Barbara Kink) Wenn Sie Dokumente, Fotografien, Plakate, Vereinsbücher oder Ähnliches aus dem vielfältigen Aktivitäten der Frauenbewegung in Bayern haben, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen: museum(at)hdbg.bayern.de