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Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst

Die Menschen
im Museum

Peter Strelzyk (geb. 1942) und Günter Wetzel (geb. 1955)

Ballonfahrt in die Freiheit

„Sind wir hier im Westen???“ Nur diese eine Frage stellen Peter Strelzyk und Günter Wetzel, als sie am frühen Morgen des 17. September 1979 in der Nähe von Naila auf bayerische Grenzer treffen. Und bei der Antwort brechen sie in Jubel aus: „Ja klar, wo denn sonst?“ Zu diesem Zeitpunkt liegt die abenteuerlichste Nacht ihres Lebens hinter ihnen – die Flucht aus der DDR und eine Ballonfahrt in die Freiheit.

Peter Strelzyk (37) und Günter Wetzel (24) hatten im thüringischen Pößneck die Flucht jahrelang detailliert geplant, heimlich Fachliteratur zur Aerodynamik beschafft. Strelzyk kam dabei seine Ausbildung als Luftfahrtmechaniker und seine Arbeit als Elektromonteur zugute. Unermüdlich bastelte er an einem Brennersystem auf der Grundlage von Propangasflaschen. Unterdessen machte die Pößnecker Tuchmacherstraße 22 ihrem Namen alle Ehre: Der gelernte Maurer Wetzel nähte in mühevoller nächtelanger Kleinarbeit mehrere hundert Quadratmeter Stoffbahnen aneinander – auf einer alten mechanischen Nähmaschine. Drei Versuche sollte er benötigen. Die erste Ballonhülle erwies sich bei einem Test im April 1978 als zu grobmaschig. In der Nacht zum 4. Juli 1979 wagte das Ehepaar Strelzyk mit ihren beiden Kindern allein den Flug. Wieder klappte es nicht. Der Ballon geriet in einen Wolkennebel und die Hülle saugte sich voll Wasser. Der Ballon sank und landete in einem Waldstück unmittelbar vor dem Grenzsperrgebiet. Den Strelzyks gelang es, unbemerkt nach Pößneck zurückzukehren. Den Ballon mussten sie jedoch preisgeben. Als er entdeckt wurde, leitete die Polizei eine Großfahndung ein – ohne Erfolg.

Strelzyks und Wetzels wagten den dritten Versuch. Wieder entstand in Nachtarbeit eine noch größere Ballonhülle. Um nicht aufzufallen, kauften sie die Stoffbahnen an verschiedenen Orten in der ganzen DDR. In der Nacht zum 16. September 1979 war es dann so weit. Der Segelflug-Wetterbericht im Bayerischen Rundfunk versprach mit konstantem Nordwind ideale Voraussetzungen. Die beiden Familien fuhren mit dem Auto auf Nebenstrecken Richtung Grenze. Mit dabei waren die vier Söhne im Alter von zwei, fünf, elf und 15 Jahren.15 Kilometer südöstlich von Probstzella begannen sie oberhalb der Bahnlinie Saalfeld-Lobenstein, die 26 Meter lange Ballonhülle mit Luft zu füllen. Sie stellten sich alle auf das dünne Stahlblech der improvisierten Gondel und um 2 Uhr 26 hob der Ballon ab. Sie erreichten eine Flughöhe von über 2000 Metern – bei eisiger Luft: minus 8 Grad.

Bereits wenige Minuten nach dem Start war die Polizei informiert. Der Nachtwächter des Kreiskulturhauses in Lobenstein hatte ein unbekanntes Flugobjekt mit Flugrichtung Staatsgrenze gemeldet. Scheinwerfer suchten den Himmel ab, erreichten den Ballon aber nicht. Noch ehe die Grenzpolizei eingreifen konnte, hatte der Ballon das Territorium der DDR verlassen. Sieben Kilometer hinter der Grenze landeten die Flüchtlinge mit viel Glück am Rand des oberfränkischen Städtchens Naila – nur 300 Meter von einer Hochspannungsleitung entfernt.

Die tollkühne Flucht erregte enormes Aufsehen und wurde wochenlang in der westlichen Presse gefeiert. Ein Buch entstand und Hollywood sorgte mit „Night Crossing“ sogar für eine Verfilmung. Günter Wetzel kam nach einer Umschulung zum Kfz-Mechaniker im Autohandel im Raum Hof unter. Strelzkys eröffneten ein Elektrogeschäft in Bad Kissingen. Sie wurden jedoch auch im Westen von Stasi-Mitarbeitern ausspioniert und unter Druck gesetzt. 1985 gingen sie in die Schweiz und kehrten erst nach der Wende 1989/90 nach Deutschland zurück.

Quellen/Literatur:
Zeitzeugeninterviews Haus der Bayerischen Geschichte; Roman Grafe: Die Grenze durch Deutschland. Eine Chronik von 1945 bis 1990, München 2008, S. 262 ff.; Jürgen Petschull: Mit dem Wind nach Westen. Die atemberaubende Flucht von Deutschland nach Deutschland, verfilmt von Walt Disney Product., München 1980