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Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst

Die Menschen
im Museum

Nicolo Pau

Ein „Gastarbeiter“-Leben in Lohnstreifen ─ Wie Nicolo Pau in München statt der erhofften Ducati die Liebe seines Lebens fand

Nicolo Pau wurde am 10. September 1931 in Oliena auf Sardinien geboren. Mit dem kargen Verdienst, den er mit der Arbeit in der Landwirtschaft erzielen konnte, unterstützte er die Familie. Als junger Mann träumte er davon, sich eine Ducati zu kaufen. Um das Geld für diesen Traum auftreiben zu können, entschied sich Nicolo, für eine gewisse Zeit nach Deutschland zu gehen, um dann nach Hause zurückzukehren. Anfang 1960 absolvierte er die notwendige ärztliche Untersuchung im Außenbüro des deutschen Arbeitsamtes in Verona. Er unterschrieb einen Arbeitsvertrag für sechs Monate beim Bauunternehmen Leonhard Moll in München – noch ahnte er nicht, dass er die nächsten 22 Jahre dort arbeiten würde.

Am 19. März 1960 verließ Nicolo Pau seine Heimat und traf drei Tage später per Zug in München ein. Der erste Eindruck war ein Schock: Da es auf Sardinien bereits frühlingshaft warm war, kam Nicolo ohne Mantel und nur mit Halbschuhen bekleidet an. In München aber schneite es und es war eiskalt. Im Bunker unter Gleis 11 bekam er zur Begrüßung ein Hörnchen und eine Tasse Kaffee – für ihn nicht viel mehr als braunes, warmes Wasser. Noch am selben Tag kam ein Vertreter der Firma Moll zum Hauptbahnhof und holte Nicolo und die anderen ihr zugeteilten „Gastarbeiter“ mit einem Lkw ab. Nach der Anmeldung, um die sich die Firma ebenso kümmerte wie um die Arbeitserlaubnis und die Aufenthaltsgenehmigung, bekam jeder einen Vorschuss von 30 DM. Der erste Tag war arbeitsfrei, damit die Männer sich – jeweils zu fünft – in ihren Wohnbaracken einrichten konnten. Die Miete betrug 1 DM pro Tag.

Nicolos erster Arbeitstag war der 23. März 1960. Zunächst war er als Hilfsarbeiter in der Schlosserei, später als Maschinist im Quetschwerk eingesetzt. Der Stundenlohn betrug 2,11 DM. Nicolo Pau erarbeitete 70 DM in der Woche, mit Überstunden manchmal auch 80 DM. Der Lohn wurde jeden Freitag in bar ausbezahlt. Die Abrechnung erfolgte in Form von Lohnstreifen, die Nicolo bis heute aufbewahrt hat. Nicolos erster Arbeitsvertrag lief nur sechs Monate. Da sein Arbeitgeber zufrieden mit seiner Arbeit war, wurde der Vertrag verlängert und dann entfristet; der Stundenlohn war nun um 10 Pfennige höher.

Die Chancen auf die Ducati hatten sich damit nochmals erhöht. Nicolo wollte ursprünglich nur zwei Jahre in Deutschland bleiben. Doch dann kam ihm die Liebe seines Lebens dazwischen. Es war 1961, als er Elisabeth kennenlernte. Er hatte einen Urlaub zu Hause bei seiner Familie geplant und suchte nach einem Geschenk in einem Juweliergeschäft am Münchner Stachus. Sein großes Glück war, dass eine Verkäuferin Italienisch sprach. Es war Elisabeth. Nicolo war froh, sich mit jemandem in seiner Muttersprache verständigen zu können und lud Elisabeth und ihre Mutter zu einem Kaffee ein. Die jungen Leute verliebten sich ineinander, aber es dauerte, bis Elisabeths Mutter die Beziehung akzeptierte. 1962 fand die Hochzeit statt.

Nicolo empfand es als ungerecht, dass deutsche Arbeiter dank ihrer besseren Ausbildung für die gleiche Arbeit 15 Pfennig mehr verdienten. Deshalb entschied er sich für eine dreijährige Ausbildung zum Maschinenschlosser, die die Firma Moll ebenso komplett finanzierte wie die Anschaffung der nötigen Feinwerkzeuge, die Nicolo heute noch in Ehren hält. Die Kurse fanden von 18 bis 22 Uhr in der Abendschule statt. Aufgrund seiner mangelnden Deutschkenntnisse schrieb er alles fein säuberlich von der Tafel ab und ließ sich die Bedeutung zu Hause von seiner Frau erklären. Die größte Herausforderung für ihn war jedoch die mangelnde Zeit für das Familienleben – da Nicolo fast rund um die Uhr außer Haus war, kannten die Kinder ihren Vater fast gar nicht. Und Elisabeth musste sich von den Nachbarn hämische Kommentare anhören, wie: „Jetzt ist er Ihnen davon!“ Vor allem ältere Leute, erinnern sich Elisabeth und Nicolo, sind dem Paar oft unfreundlich begegnet – viele hatten Vorurteile gegen „Gastarbeiter“ und Ausländer.

Nach der Heirat wollten Elisabeth und Nicolo zunächst nach Italien ziehen, da Nicolo großes Heimweh hatte. Nachdem allerdings die Kinder in Deutschland geboren waren, entschieden sie sich, in München zu bleiben, wo sie für ihre Kinder bessere Entwicklungschancen sahen. Trotzdem fühlen sich die Paus Italien sehr verbunden: Jedes Jahr machen sie mit der ganzen Familie im Haus von Nicolos Eltern Urlaub auf Sardinien. Und die beiden Kinder fühlen sich heute als echte Europäer. Nicolos Lohnstreifen haben die Paus nun dem Museum der Bayerischen Geschichte übereignet.

Quellen/Literatur:
Zeitzeigeninterview Haus der Bayerischen Geschichte