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Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst

Die Menschen
im Museum

Giuseppe Buizza (geb. 1931)

Überzeugter Europäer in Augsburg

Als Giuseppe Buizza Mitte der 1950er-Jahre in Italien seine Arbeit als Schlosser verlor, traf er die folgenreichste Entscheidung seines Lebens: Er bewarb sich als Mechaniker in Augsburg. Am 5. Mai 1956 bot ihm die Firma MAN einen Jahresvertrag an. Buizza unterschrieb sofort und ging nach Deutschland – als „Gastarbeiter“. Er ahnte nicht, dass er bleiben würde.

Am 20. Dezember 1955 schlossen die Bundesrepublik Deutschland und Italien ein Anwerbeabkommen. Zwar sollte es zunächst der Anwerbung von Saisonarbeitern in Landwirtschaft und Gastronomie dienen, doch der Arbeitskräftebedarf in Zeiten des „Wirtschaftswunders“ war so groß, dass rasch auch andere Branchen, vor allem die Industrie, auf Vermittlung von Arbeitskräften drängte. Die Bundesrepublik profitierte von ihrem guten Image, die Arbeitsbedingungen galten als deutlich besser als in Italien.

Giuseppe Buizza wurde am 7. Juni 1931 im kleinen Dorf Marostico bei Vicenza geboren. Nach dem frühen Tod seiner Mutter wuchs er bei den Großeltern und in Waisenhäusern auf. 1944 erlebte er in der Nähe von Mailand die Bombenangriffe auf den Militärflugplatz Malpensa und den Partisanenkrieg gegen die deutsche Besatzung. Als an der Bahnlinie Mailand–Novara ein deutscher Soldat erschossen wurde, übte die SS Vergeltung und ermordete drei Partisanen. Nach Kriegsende stand Giuseppe Buizza ohne Schulabschluss und ohne Berufsausbildung da. Er ging in ein Internat nach Verona und absolvierte dann eine Ausbildung als Schlosser und Dreher. Er fand Arbeit in Mailand und in Lecce, wo er unter anderem Filmprojektoren herstellte.

Als Giuseppe Buizza 1956 nach Augsburg kam, war er von den Verdienstmöglichkeiten in Deutschland zunächst enttäuscht. Hatte er in Italien umgerechnet rund 400 Euro bekommen, so erhielt er bei MAN nur 350 Euro, in denen bereits die Überstunden enthalten waren. Das Betriebsklima allerdings war viel angenehmer als in Italien, wo er den Schikanen eines „padrone“ ausgesetzt gewesen war. Giuseppe Buizza sah sein Gastland als Chance, versuchte so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. Vokabeln paukte er mithilfe eines Wörterbuchs neben der Arbeit. Aber es brauchte seine Zeit. Und es ging auch nicht ohne Pannen ab: Als er einmal von Augsburg nach München mit dem Zug fahren wollte und ein Ticket nach „Monaco“ verlangte, erhielt er für die horrende Summe von 75 D-Mark ein Ticket nach Monte Carlo!

Nach einem Zwischenspiel in der Schweiz fing Buizza 1958 bei Messerschmitt in Augsburg an und wechselte noch mehrmals den Arbeitgeber, bis er schließlich 1963 bei Hoechst in Bobingen unterkam. Giuseppe Buizza arbeitete dort als Dolmetscher und später in der technischen Abteilung. Er konnte auch seine eigenen Erfahrungen als „Gastarbeiter“ einbringen und unterstützte seine Landsleute im Alltag. Er gab Deutschunterricht, war aber auch in der Lage, zum Beispiel die Feinheiten einer deutschen Steuererklärung zu erhellen. In der Freizeit trafen sich die italienischen Landsleute zum Fußballspielen, abends ging man zum Tanzen. Seit 1990 ist Giuseppe Buizza in Rente – und lebt als überzeugter Europäer immer noch in Augsburg.

Quellen/Literatur:
Zeitzeugeninterview Haus der Bayerischen Geschichte (www.hdbg.eu/zeitzeugen)